Unsere Arbeit

Warum ist Hilfe nötig?

Der unter Umständen sehr schnelle soziale Abstieg in die Wohnungslosigkeit, der eigentlich jeden treffen kann, führt zum sozialen Ausschluss. Es folgt einerseits Mutlosigkeit, Resignation, Scham und Einsamkeit, andererseits Aufbegehren, Zorn und Hass. Bei Frauen mit Gewalterfahrung kann es in absoluter Abkapselung enden. „Wie soll ein Amt, ein Arzt, ein Heim mir noch helfen können?“

Die Empfindsamkeit für den eigenen Körper geht verloren, beim Leben auf und neben der Straße und bei zunehmender Armut ebenfalls. Als Krankheit gelten bald nur noch die frische Wunde, hohes Fieber und starke Schmerzen. Die chronisch offenen Füße werden oft gar nicht mehr wahrgenommen. Mangelnde Hygiene- Möglichkeiten verschlimmern alles.

Wenn wir uns krank fühlen, suchen wir unseren Hausarzt auf. Wir haben eine Versicherungskarte und kommen für die anfallenden Kosten selbst auf. Das funktioniert bei dem kranken Menschen, der auf der Straße lebt, nicht. Mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten, sein äußeres Erscheinungsbild, die innere Unsicherheit und seine Scham, wie auch sein Hund, der einzige Freund und Begleiter verhindern, was für uns Normalität bedeutet.
Seit dem Gesundheits-Modernisierungs-Gesetz aus dem Jahre 2004 kommen noch unlösbare finanzielle Probleme hinzu.

  • Nun mussten Zuzahlungen für Arzneimittel, Heil- und Hilfsmittel ( z.B. Brillen) selbst bezahlt werden.
  • Salben, viele Verbandstoffe und manche Medikamente dürfen nicht mehr auf Lasten der Krankenkasse verordnet werden.
  • Zusätzliche Kosten entstehen bei Notfallbehandlung im Krankenhaus und Krankenhaustagen.

Eigentlich sollte nach diesem Gesetz jeder krankenversichert sein. Aber es gibt immer wieder Menschen, die nichts davon wissen und auch tatsächlich nicht versichert sind. Andere haben ihre Versicherungskarte nicht mehr oder kennen ihre Kasse nicht. Wer kann denn auch versichert sein, wenn er gar kein Geld hat, die Beiträge zu bezahlen. Außerdem gibt es auf der Straße auch Illegale, die nicht versicherbar sind, aber dringend medizinische Hilfe brauchen.

Auch ist es gar nicht so leicht für eine Person, die in den vielen Jahren ihres obdachlosen Daseins das Vertrauen zur Umgebung verloren hat, sich wieder einem Fremden zu öffnen. Diese Hürde des Vertrauensverlustes zu überwinden, kann nur durch wiederholte Gespräche, durch Erläuterungen der vorgesehenen Behandlung, Abbau der Ängste und Hemmungen, durch Terminverabredungen und Begleitung zum Arzt gelingen. Dies sind nur niederschwellige Hilfen, die, um erfolgreich zu sein, auch viel Geduld benötigen. Und genau das ist der Anfang für eine gelungene Integration. Um weiter voran zu kommen ist Solidarität unserer Gesellschaft notwendig. Sie muss bereit sein, die Betroffenen wieder in Ihre Reihen aufzunehmen, zu tolerieren und zu respektieren. Ohne die eigenen vier Wände für den ehemals Obdachlosen Menschen wird dieses große Ziel nur schwerlich zu erreichen sein.

Wir wissen aber alle, dass ohne den Willen und die Mitarbeit des Betroffenen dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt sein wird. Um sich und auch den Mitarbeitern diesbezüglich solche Enttäuschungen und Kosten, besonders wenn Spenden die Finanzierung übernehmen müssen, zu ersparen, muss von allen sehr kritisch und mit realistischen Vorstellungen dieser Weg begleitet werden.

 

 

Wie helfen wir?

Frau Feibicke-Vogt, die langjährige Leiterin der Pflasterstube hat am 31. August den Arbeitgeber gewechselt und übernahm die Halbtagsstelle als Leitung der neuen Tagesstätte in Kehl. Da uns dort ein medizinisches Behandlungszimmer zur Verfügung gestellt wurde, hat die Pflasterstube ein neues Standbein erhalten und dadurch haben die Mitarbeiter und ehrenamtlich tätigen Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, regelmäßige Sprechstunden abzuhalten.

Bei Bedarf wird auch die Notunterkunft am Bahnhof in Kehl mitbetreut.

Frau Feibicke-Vogt behält ihren Vorstandsposten und wird ehrenamtlich als Ansprechpartnerin für die Teams Pflasterstube und Pflastermobil mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 

Foto: Ulrich Marx

Die freigewordene Stelle konnte mit Frau Claudia Otto besetzt werden. Ihre Ausbildung als Krankenschwester bekam sie in der St. Josefs Klinik in Offenburg. Eine 30-jährige Berufserfahrung in der häuslichen Pflege erleichtert ihr die pflegerischen, hygienischen Herausforderungen und deren Fortschritte zu erkennen und zu meistern, sowie notwendige Maßnahmen bei Pflegebedürftigen schnell einleiten zu können.

Als medizinische Leitung der Pflasterstube ist sie zusammen mit unseren langjährigen Mitarbeiterinnen Frau Cornelia Nettmann und Frau Beate Steinfeld ebenfalls für folgende Aufgaben verantwortlich:

  • Krankheitssymptome erkennen und auf Krankheiten aufmerksam machen
  • Überreden zu Behandlungen
  • sorgfältige und pünktliche Medikamentenausgabe
  • Erste Hilfe leisten
  • Wundverbände anlegen
  • Auf Hygiene und Fußpflege achten
  • Wenn notwendig Grundpflege (duschen, baden, Bett beziehen, Haare schneiden, Bartpflege, usw.) durchführen
  • Arzttermine vereinbaren
  • Begleiten zum Arzt und in die Ambulanzen
  • Krankenhausbesuche
  • Organisieren der ärztlichen Sprechstunden in der Pflasterstube.
  • Leistungen dokumentieren
  • Teilnehmen an den Fahrten mit dem Pflastermobil

Seit Anfang 2020 mussten viele medizinische Tätigkeiten unter Corona- Bedingungen durchgeführt werden. Corona- Schutzmaßnahmen wurden und werden auch weiterhin bei den zu erwartenden Mutanten eingehalten. Die am 15.05.2021 erfolgreiche stattgefundene Impfung mit einer Einmalimpfung von Johnson & Johnson von ungefähr 130 Obdachlosen in Offenburg in enger Zusammenarbeit mit der Wohnungslosenhilfe der Ortenau war ein Höhepunkt der medizinischen Versorgung.

Jeden Monat lädt der Förderverein zu einem intensiven Erfahrungsaustausch und zur Besprechung der erbrachten Leistungen zum „Hock“ ein. Hierbei nehmen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflasterstube, ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte, die Vorstandsmitglieder, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der stationären und ambulanten Wohnungslosenhilfe teil.

Frau Dr, Sandra Haghir, 50 Jahre​ alt, 3 Kinder. Wohnhaft in Offenburg seit 2005. Medizinstudium in Leipzig und Hannover bis 1999. Seit August 2006 Ärztin in der Kinderklinik Offenburg. Teilnahme  bei den Einsätzen der German Doctors in Sierra Leone.

Frau Dr. med. dent Kirsten Holst, Kieferorthopädische Praxis seit 1994 in Bühl. Hilfseinsätze z.B. auf den Philippinen, in Haiti, Kambodscha, Myamar, Uganda und Kenia. Ehrenamtliche Mitarbeit seit Oktober 2016 in der Pflasterstube.

Foto: Ulrich Marx

Seit 2006 wohnhaft in Haslach im Kinzigtal. Zuvor 9 Jahre in Karlsruhe mit einem Jahr unterbrochen durch einen Aufenthalt in Lesotho und Mitarbeit im dortigen Missionskrankenhaus.

Ich bin angestellte Frauenärztin in der Frauenarztpraxis in Wolfach und arbeite zudem noch 2-3-Nächte im Monat im Kreissaal in Offenburg, Mein Mann ist hausärztlich tätiger Internist in Haslach. Wir haben drei Kinder, die in Hausach zur Schule gehen. In meiner Freizeit spiele ich Badminton, gehe schwimmen und bin bei Kolping aktiv.

Seit 2019 bin ich für die Grünen im Stadtrat und außerdem Beisitzerin im Kreisvorstand der Grünen in der Ortenau.

Michael Hattenbach  nahm in seiner aktiven Berufslaufbahn verschiedene Funktionen im Sozialbereich wahr. Er widmet sich überwiegend den Kontakten zu Kommunen und dem Kreis. Außerdem kümmert er sich schwerpunktmäßig um soziale Fragen.  

Da wir schon seit langem mit dem gesamten Krankheitsspektrum konfrontiert worden sind, zeigte es sich, dass die Pflasterstube eine zentrale Funktion bei der gesundheitlichen Betreuung der Obdachlosen wahrnehmen musste. Man könnte fast von einem Gesundheitszentrum für obdachlose Menschen sprechen. Einerseits war diese Entwicklung zu begrüßen. Andererseits erkannten wir, dass bald ein Limit bei der Bewältigung der weiter zunehmenden Aufgaben, bei gleicher Mitarbeiterzahl, erreicht sein könnte.

Erschwerend kommt hinzu, dass die ehrenamtlich tätigen Ärzte sich in der Risikogruppe befinden und auch altersgemäß bald ausscheiden werden, Deshalb haben wir angefangen Ersatz zu finden, was sich äußerst schwierig gestaltet.

Herr Dr. Syfert hörte im September, Herr Dr. Vogel und Frau Dr. Freund zum Jahresende 2022 mit ihrer ehrenamtlichen Unterstützung der Pflasterstube auf. Für beide freien Stellen in der Pflasterstube konnten wir Frau Dr, Haghir, Kinderärztin im Klinikum Offenburg und Frau Dr. Ziehms, Frauenärztin in Wolfach gewinnen. Beide wechseln sich ab bei den regelmäßigen wöchentlichen Sprechstunden in ambulanten Bereich. Komplettiert wurde unser ärztliches Team in Offenburg durch Frau Dr. Elke Widmann, Anästhesie-und Notärztin im Klinikum. Seit Februar 2022 ehrenamtlich tätig in der Pflasterstube und Pflastermobil.

In Kehl sind weiterhin Frau Dr. Hillenbrand und Herr Dr. Aymanns tätig. In Achern Herr Dr. Schwab. Die Zahnärztin Frau Dr. Holst behandelt in der Ambulanz der Pflasterstube, sowie im Pflastermobil, in den Räumlichkeiten der Tagesstätten Cafè Löffel in Lahr und Cafè  Kanne in Kehl. Die Radiologin Frau Dr. Osterheider betreut unsere Patienten während ihrer täglichen Praxistätigkeit in Kehl.

Es zeigt sich jetzt immer mehr wie wichtig unser monatlicher Hock, auch unter regelmäßiger Beteiligung der Vertreter dieser Standorte, ist. Erfreulich ist auch die Teilnahme der Sozialarbeiterin, die die kommunalen Notunterkünfte von Offenburg vertritt, sowie die Sozialreferentin der Stadt Kehl und die Leiterin der dortigen Notunterkunft.

Wir haben ein uns gestecktes Ziel erreicht. Neben unserer Zentrale in Offenburg können wir jetzt die drei Standbeine der Pflasterstube in Kehl, Lahr und Achern betreuen. Durch diese Ausweitung unseres Arbeitsfeldes war dann auch die Änderung unseres Namens im April 2021 in „ Förderverein Pflasterstube Ortenau“ überfällig.